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Beurteilung, das Wort hört sich schon negativ an. Oder? Womöglich liegt es am Wort „Urteil“, das darin steckt. Mit Urteil verknüpfe ich das Wort Gericht. Dabei geht es bei der Beurteilung der Leistungen deines Azubis nie um ein „Aburteilen“ oder „Abstrafen“, sondern um das Fördern und Entwickeln des Azubis.

Wikipedia beschreibt das so: „Eine Beurteilung ist eine Wahrnehmung eines Sachverhaltes oder einer Person. Sie ist eng mit dem Urteil im nicht-rechtlichen Sinne verwandt.“

Das heißt also: Ich als Ausbilder nehme wahr, welche Leistungen der Azubis in Bezug auf die für den Ausbildungsberuf notwendigen Handlungskompetenzen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes entwickelt. Durch meine regelmäßige Rückmeldung in Form eines Beurteilungsgespräches kann ich gezielt die Weiterentwicklung des Azubis fördern.

Wichtig ist, dass mein Azubi aktiv in diesen Prozess eingebunden wird, damit er lernt, sich und seine bisher erbrachten Leistungen selbst einzuschätzen.

Einerseits fördere ich dadurch das Nachdenken des Azubis, was er in den letzten Wochen gut oder weniger gut gemacht hat. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten Azubis zunächst schlechter einschätzen, als sie sind. Wenn sie im Beurteilungsgespräch eine bessere Einschätzung erhalten, wächst das Selbstvertrauen des Jugendlichen und damit auch deren Motivation.

Wann führe ich ein Beurteilungsgespräch?

Azubis kommen durch den Ausbildungsstart mit vielen neuen Eindrücken in Kontakt. Beim Verlassen des behüteten Schullebens in die neue, sich ständig wandelnde Arbeitswelt, werden sie mit vielen Eindrücken regelrecht „erschlagen“. Neue Vorschriften (Unfallverhütung, Sicherheitsmaßnahmen) aber auch körperlich anstrengende Tätigkeiten zollen in den ersten Wochen ihren Tribut.

In meinem Blogbeitrag „Start des Ausbildungsjahres“ habe ich erläutert, welche Eindrücke gerade zu Beginn der Ausbildung auf die Jugendlichen „einprasseln“.

Dem Azubi muss zu Beginn der Ausbildung erläutert werden, dass es Beurteilungsgespräche gibt. Erkläre ihm, warum diese durchgeführt werden und anhand welcher Kriterien du die Beurteilung durchführst und wie oft. Als Mindeststandard empfehle ich die Beurteilung vor Ende der Probezeit und danach zweimal im Jahr. Damit auch der Jugendliche sich entsprechend der Rückmeldungen weiter entwickeln kann.

Während der Ausbildung werden die Beurteilungsgespräche oft auch Zwischengespräche genannt. Das klingt in den Ohren der Azubis nicht nur angenehmer, es fehlt auch der Beigeschmack einer „Beurteilung“ 😉

Beurteilungsgespräche

Ziele eines Beurteilungsgespräches

Ich kann nur gut ausbilden, wenn ich während der Ausbildung regelmäßig einen gemeinsamen Abgleich durchführe:

  • Wie geht es dem Azubi im aktuellen Ausbildungsabschnitt?
  • Was kann er bereits gut?
  • Wo muss nachjustiert werden, was klappt noch nicht so gut?
  • Was muss getan werden um vorhandene Defizite auszugleichen?

Ziele sind:

  • Transparenz im Ausbildungsprozess schaffen, vor Ende der Probezeit auch hinsichtlich der Eignung für den Ausbildungsberuf
  • Wertschätzung der bisherigen Leistungen und Fähigkeiten
  • Motivation des Azubis
  • Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Förderung der Weiterentwicklung
  • Abgleich des Selbst- und Fremdbildes
  • Förderung der Selbstkritik

Durch wertschätzendes Feedback bekommt der Azubi die Möglichkeit aus seinen Fehlern zu lernen und seine Stärken gezielt einzusetzen.

Bewährt hat sich bei mir, dass ich rechtzeitig vor dem Beurteilungsgespräch dem Azubi den Beurteilungsbogen blanko aushändige und er sich auf dem Papier selbst einschätzt und diesen Bogen zum Gespräch mitbringt. Gerade zu Beginn der Ausbildung können sich die Azubis noch nicht so recht einschätzen. Im Verlaufe der Ausbildung wird die Selbsteinschätzung dann immer besser.

Die Einschätzungen des Azubis und meine Beobachtungen werden im Beurteilungsgespräch abgeglichen. So bekommt der Azubi die Möglichkeit auch direkt Fragen zu stellen und sein Verhalten und seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln.

Was wird beim Azubi beurteilt?

Bei der Leistungsbeurteilung werden die beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten beurteilt, die entsprechend der Ausbildungsordnung im Beurteilungszeitraum vermittelt wurden. Dabei sollten auch die Leistungen in der Berufsschule einbezogen werden.

Darauf achten müssen wir natürlich auch, dass ein Azubi im ersten Ausbildungsjahr zwangsläufig weniger kann als einer, der kurz vor Ende der Ausbildung steht.

Ein Herausheben von Stärken und Lernpotentialen (also Schwächen) hilft dem Azubi mehr, als wenn ich eine durchgängig mittlere Beurteilung vornehme. Fördern kann ich den Azubi nur, wenn ich für den Azubi ganz klar erläutere wo seine Potentiale liegen und wo er noch Entwicklungsbedarf hat.

Du solltest dabei auch beachten: Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen – auch Du! Und nicht jeder ist auf jedem Gebiet gleich stark oder schwach. Einmalige „Ausrutscher“ dürfen nicht die gesamte Beurteilung beeinflussen! Und für eine objektive Beurteilung soll der gesamte Beobachtungszeitraum betrachtet werden.

Mögliche Leistungskriterien:

Leistungskriterien

Wie du siehst, bin ich kein Freund einer 5-stufigen Beurteilungsmöglichkeiten, da ich erlebt habe, dass meine Ausbildungskollegen den Jugendlichen „keine Steine in den Weg legen“ wollen und die Tendenz zur Mitte haben. Durch eine vierstufige Beurteilung kann ich das ganz leicht vermeiden. 😉

Was mir noch sehr wichtig ist:
  • Beurteile nicht unter Zeitdruck. Dabei besteht die Gefahr, dass du nur oberflächlich beurteilst.
  • Nimm dir ausreichend Zeit für das Gespräch mit deinem Azubi (ca. 20-30 Minuten).
  • Führe bitte nie ein Beurteilungsgespräch, wenn du dich gerade über etwas geärgert hast, dann verschiebe das Gespräch.

Viel Erfolg bei deiner nächsten Beurteilung.

Noch ein Tipp:

Nicht nur du beurteilst deinen Azubi, im Beurteilungsgespräch.

Wenn es richtig läuft, wirst auch du in deiner Funktion als Ausbilder von deinem Azubi beurteilt! 😉

Auf das Thema „Beurteilungsfehler“ gehe ich im nächsten Blogbeitrag ein.

Viele Grüße

Brigitte