0049 172 65 79 58 0

Beurteilungsfehler liegen im Wesen des Menschen. Unbewusst nimmst du etwas wahr und schätzt den Menschen, den du gerade kennen lernst ein. Du kannst gar nicht anders. Das geht von ganz alleine.

Schau Dir doch einfach mal mein Titelbild zu diesem Blog an. Was nimmst du auf den ersten Blick und was wenn Du noch mal genauer hinschaust? Auch das ist ein Beurteilungsfehler. Verrückt oder?

Auch bei Begegnungen mit uns unbekannten Menschen scannt unser Gehirn sofort ab, „Freund“ oder „Feind“. Das liegt in unserer Genetik. Sei es zum Beispiel aufgrund seines Aussehens (Klamotten, Haarfarbe) oder weil er besonders laut oder leise spricht. Daraus entstehen auch automatisch Antipathien oder Sympathien. Erst wenn du denjenigen längere Zeit kennst, bemerkst du, wenn du ihn zunächst falsch eingeschätzt hast. Dann korrigierst du automatisch dein inneres Bild von dieser Person.

Das ist schon der erste typische Beurteilungsfehler, der erste Eindruck.

Wenn du dir dessen bewusst bist, dass unser Gehirn jeden, wirklich jeden, dem wir begegnen, sofort scannt und „in eine Schublade legt“, dann gehst du damit vorsichtiger um.

Also gib dem nächsten Azubibewerber, der direkt vor deiner Türe noch schnell eine E-Mail checkt eine Chance. 😉

Tendenzen zur Milde, zur Mitte und zur Strenge

Das sind gleich drei Beurteilungsfehler sagst du, ja das stimmt. Und die gehören auch immer zusammen.

Ich erlebe es oft, dass Kollegen sagen „Ich will dem Azubi keine Steine in den Weg legen, er soll doch seine Ausbildung gut abschließen“. STOP!

Wie soll der Azubi lernen, was zum Beispiel als Arbeitsleistung gefordert wird, wenn ich ihn nicht entsprechend darauf hinweise und beurteile? Dem Azubi tust du damit keinen Gefallen! „Weichspüler“, also zu milde Beurteilungen sind genauso wenig hilfreich wie „Ich hab‘ dir das jetzt schon dreimal erklärt, du kapierst das nie“. Hier besteht die Tendenz „zur Strenge“. Vielleicht liegt es ja an meinen Erklärungen, dass es der Azubi bisher noch nicht „gerafft hat“. Denk darüber nach, ob du den Arbeitsvorgang noch auf eine andere Art erklären kannst.

Und dann gibt es noch die Ausbilder, die sich entweder aus Gründen der Unsicherheit oder weil sie mit dem Azubi keinen Konflikt heraufbeschwören wollen, bei der Beurteilung den „Mittelweg“ wählen, also die Tendenz zur Mitte haben. Dadurch vermeiden sie besonders gute oder schlechte Beurteilungen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Azubis diese Bewertungen am wenigsten akzeptieren, da sie damit nichts anfangen können. Sie wollen einerseits dazu lernen und andererseits sich auch freuen, wenn sie in den einen oder anderen Bewertungspunkten gut abschneiden.

Aus diesem Grund gibt es zwischenzeitlich keine fünfstufige Beurteilungsmöglichkeit mehr auf meinem Beurteilungsbogen sondern nur noch vier Stufen. 😉

Stufen_Beurteilung

Alternative geht das auch in beschreibender Form:

Stufen_Beurteilung

So kann ich ganz leicht der Tendenz zur Mitte „ein Schnippchen schlagen“, auch wenn das einigen Kollegen nicht gefallen hat und ich immer wieder mal Diskussionen dazu führen darf.

Ein weiterer, wichtiger Beurteilungsfehler ist der Halo-Effekt.

Hier „überstrahlt“ ein Verhalten (positiv oder negativ) alle anderen. Wenn der Azubi beispielsweise mehrfach verschlafen hat, schließt der Ausbilder damit gleich auf ein Gesamtverhalten des Azubis und verallgemeinert, obwohl das nicht gerechtfertigt ist. Gleiches gilt für besonders herausragende Eigenschaften. Wenn ein Azubi sehr kommunikativ und wortgewandt ist, dann überstrahlt diese Eigenschaft alle anderen und der Gesamteindruck wird entsprechend positiver.

Projektion oder Kontrastfehler

Bei der Projektion oder einem Kontrastfehler vergleiche ich mich als Ausbilder mit meinem Azubi. Ich entdecke in ihm eigene, unbewusste Schwächen oder auch Stärken und reagiere deshalb entsprechend positiv oder negativ bei der Beurteilung.

Verteilungsfehler

Beim Verteilungsfehler wird die volle Skala des Beurteilungsbogens nicht ausgenutzt. Weil der Ausbilder den Azubi generell zu positiv oder zu negativ beurteilt. Gerade Azubis können nicht von Beginn an in allen Beurteilungspunkten gleich gut oder schlecht sein. Es gibt immer wieder „Ausreißer“ in beide Richtungen, die sich erst im Laufe der Ausbildung „glätten“.

Korrekturfehler

Wenn du als Ausbilder die zwischenzeitlich stattgefundene Entwicklung des Azubis nicht bei deiner Beurteilung berücksichtigst, dann unterliegst du einem sogenannten Korrekturfehler.

Schon mal was von der selbst erfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling-prophecy) gehört? Dem sogenannten Andorra-Effekt?

Der tritt ein, wenn der Azubi sich so verhält, wie du es schon vorher gesagt hast „Ich hab’s Euch von Anfang an gesagt, der ist zu doof dafür!“. Durch einen Erwartungsdruck des Ausbilders, wird das Verhalten des Azubis geprägt und kann wie hier zu negativen Verhaltensweisen führen.

Ich habe es selbst schon erlebt, dass Azubis durch gemachte Aussagen des Ausbilders so runtergezogen wurden, dass das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten massiv gestört war und es unheimlich viel Kraft und Zeit gekostet hat den Azubi wieder „auf Spur“ zu bekommen. Also bitte mit flapsig gemachten Aussagen als Ausbilder sehr vorsichtig sein!

Übertragung

Wenn ich als Ausbilder die letzten Wochen einen Azubi im dritten Lehrjahr hatte und jetzt einen „Frischling“ im ersten Lehrjahr bekomme, dann darf ich die beiden NIEMALS miteinander vergleichen.

Wie soll der junge Azubi die gleichen fachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen wie der im dritten Jahr? Bei der Beurteilung muss ich darauf achten, dass ich diesen Eindruck nicht übertrage und dann gleich noch in die zweite Falle der Tendenz zur Strenge tappe.

Stimmungen und Zeitdruck

Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, aber deine aktuelle Stimmung, Ärger oder Stress mit Mitarbeitern oder Kunden, private oder gesundheitliche Probleme beeinflussen dein Urteilsvermögen. Deshalb mein Rat: Bewerte einen Azubi nicht unter Zeitdruck oder wenn du dich gerade über einen Kunden am Telefon geärgert hast. Das hat der Azubi nicht verdient.

Letzter Eindruck

Wenn du eine Beurteilung vornimmst, dann achte bitte darauf, dass du den gesamten Beurteilungszeitraum heranziehst. Oft ist der letzte Eindruck des Azubis präsent, egal ob der positiv oder negativ war. Das belastet dein Urteilsvermögen und kann dein Beurteilungsergebnis verfälschen.

Wenn du dir diese Wahrnehmungsfehler vor einer Beurteilung eines Azubis bewusst machst, dann bist du schon einen großen Schritt in Richtung objektiver Beurteilung unterwegs.

Welche Wahrnehmung und Empfindungen hast du wenn du dieses Bild anschaust?

azubi-diamanten

–> Oh ja, das hätte ich jetzt gerne, Austern, hmm.

–> Oder „Pfui, teufel“ geh‘ mir weg mit dem Zeug.

Je nach Wahrnehmung entscheidest du dich in die eine oder andere Richtung.

Also, denk bei deiner nächsten Azubi-Bewertung daran, nicht jedem schmecken Austern.

Mir übrigens auch nicht. 😉

Viele Grüße